Wir in Taiwan haben nun unser eigenes Stück Berliner Mauer. Am 9. November wurde es auf dem Gelände der Taiwan Foundation for Democracy enthüllt. Zu diesem Anlass habe ich einen Beitrag für den NDR gedreht, in dem ich auch zu erklären versuche, warum man sich in Taiwan besonders für Deutschlands Umgang mit der DDR-Geschichte interessiert: Weil Taiwan seine eigene Diktatur zwar überwunden, aber noch längst nicht aufgearbeitet hat.
Die Täter und Verwantwortlichen für mehr als 40 Jahre Unrechts-Regime wurden in Taiwan nicht zur Rechenschaft gezogen. Und ein Gegenstück zur Stasi-Unterlagenbehörde , die Bürgern den Einblick in Spitzelakten ermöglicht, gibt es auch nicht. Warum eigentlich?
Zu etwas positiverem: Weil Taiwan sich zu einer toleranten und offenen Gesellschaft entwickelt hat, findet in Taipeh Jahr für Jahr die größte Schwulenparade Asiens statt, der „Taiwan Pride“. Auch dort war ich mit der Kamera unterwegs, für den Sender Timm.
In China wäre so eine Veranstaltung undenkbar – und zwar nicht nur wegen möglicher „moralischer“ Vorbehalte, sondern weil Massenkundgebungen ohne Stechschritt und Raketenparade dort generell nicht gern gesehen werden.
Und schließlich habe ich über eine Gruppe von 24 bayerischen Schülern geschrieben, die zwei Wochen lang Taiwan erlebt haben. Vom Landschulheim Kempfenhausen bei Starnberg zur San-Min-High School nach Luzhou – ein ziemlicher Sprung.
Hintergrund dieses ungewöhnlichen Austausch-Programms ist die nicht minder ungewöhnliche Partnerschaft zwischen dem Landkreis Starnberg (130.000 Einwohner) und der Region Taipei County (3,8 Mio. Einwohner).
Neulich auf der Straße gesehen: Taiwans Altmeister in der Disziplin „Effektiver Rohstofftransport auf Zweirädern im fließenden Verkehr“.
Neulich im Laden gesehen: Ein toller Film muss das sein, der in Deutschland sooo viele Zuschauer hat.
Es ist übrigens „Die Patriarchin“ über die Erbin eines Kaffee-Imperiums. Drei Teile. Klingt anregend. Erstaunlich, was für DVD-Lizenzen findige Produzenten in Taiwan verkaufen können.
Neulich in der U-Bahn gesehen: Audrey Tautou auf dem Plakat für „Coco Before Chanel“. Was sie da so lasziv in der Hand hält, ist eigentlich eine Zigarette.
Das Resultat: Ein armer Mensch musste mit einem dicken schwarzen Stift die Runde machen und alle Zigaretten von Hand unkenntlich machen. Hat prima geklappt, vor allem, weil die Plakate von hinten beleuchtet sind.
(Hier hatte ich schon einmal etwas zum Thema „Rauchen in Taiwan“ geschrieben.)
Länger als einen Monat kein neuer Blogeintrag – dieser Zustand muss dringend beendet werden. Hier also eine Menge Links mit Taiwan-Bezug, die sich in der vergangenen Wochen angesammelt haben. Klicken und Lesen lohnt sich, es sind spannende Sachen dabei.
Und hübsch anzuschauende: Großartige Taiwan-Luftaufnahmen in HD (extra anklicken!), für Youtube-Verhältnisse eine atemberaubende Bildqualität:
Politik
Keine gute Sache: Laut dem neuesten Bericht von „Reporter ohne Grenzen“ befindet sich Taiwans Pressefreiheit im Rückwärtsgang. Nachdem es um 23 Plätze zurückgefallen ist, steht Taiwan nun auf Platz 59 – hinter Chinas Sonderverwaltungszone Hongkong, Haiti, Papua-Neuguinea und einigen afrikanischen Ländern.
The new ruling party in Taiwan tried to interfere in state and privately-owned media while violence by certain activists further undermined press freedom.
Taiwan’s position as a de facto independent state seems to be morphing very slowly toward the “one country, two systems” status of Hong Kong. The process is not irreversible but the sentiments of those of mainland origin in the governing Nationalist Party, along with the self-interest of business groups and a widespread sense of economic vulnerability are all pushing the island toward accommodation with Beijing. (…) Taiwan lacks a strategic view of itself and how to balance relations with the Chinese mainland, the United States and the global economy with liberal democracy and de facto independence.
Die Wirtschaftswoche schickte ihren Peking-Korrespondenten nach Taiwan, um über die Wirtschaftssituation zu berichten. Er beschränkt sich glücklicherweise nicht nur auf Zahlen.
Wirtschaftlich sind Taiwan und die Volksrepublik heute schon eng verflochten, mehr als 80.000 taiwanische Unternehmen haben auf dem Festland investiert, annähernd 30 Prozent des Exports gehen zum großen Nachbarn. Doch vielleicht gerade darum fürchten viele Inselbewohner einen Ausverkauf an Peking und den Verlust der politischen Freiheit. Auch die Fremdenführerin Michelle Chu: „Wir fühlen uns eher als Taiwanesen, nicht als Chinesen!“
Bereits 2007 erschienen, habe ich diesen Text auf Spiegel Online erst jetzt entdeckt: Taiwans absurde politische Situation, schön anschaulich dargestellt.
Ein Staat mit 23 Millionen Einwohnern darf nicht in die Uno. Er hat nichts falsch gemacht, unterstützt weder Terroristen, noch überfällt er seine Nachbarn, ist sogar demokratisch und spendabel. Doch Taiwans Gegner heißt China.
Vorgestellt wird dort auch Taiwans Black-Metal-Band Chthonic, die sich nicht nur im übertragenen Sinn lautstark für Taiwan einsetzt. Frontmann Freddy Lim ist offenbar ein engagierter Staatsbürger, der zum Beispiel versuchte, die Uighuren-Führerin Rebya Kadeer nach Taiwan einzuladen (was von Taiwans Regierung verhindert wurde).
China
Die Volksrepublik, dieser sympathische Einparteien-Staat, hat ja kürzlich mit einer Stechschritt- und Raketen-Parade ihr 60-jähriges Bestehen gefeiert. Wieso das in Taiwan niemanden groß aufregt, und warum die beiden Regierungsparteien sich so gut verstehen, dazu hatte ich einen Radiobeitrag im Programm der Deutschen Welle.
Erstaunliche High Definition-Bilder der Parade in Peking, mit viel Slomo und Zeitraffer, kann man sich hier ansehen. Das NDR-Satiremagazin Extra 3 verwurstet die Parade zu einem leider nur leidlich witzigen „Was wäre, wenn das eine Tarantino-Inszenierung wäre?“
Ai Wei-wei, dessen Name in deutschen Medien stets falsch und damit vermeintlich lustig ausgesprochen wird, ist ein mutiger Mann. Der chinesische Künstler traut sich, den Mund aufzumachen und Missstände in seinem Land zu kritisieren. Dafür wurde er neulich zusammengeschlagen. Seine Reaktion: Er schreibt darüber in Time, zum Beispiel Sätze wie diesen:
The Party knows its system is vulnerable, that its credibility is weak and that it has become a mafia whose only unifying ideology is to hold on to power.
Make everyone feel they participate in rebuilding a distant glorious past. Destroy any conflicting histories of that past. Yet, in an age of globalization, internet etc. the glorious mythical Middle Kingdom of the Earth unfortunately comes across in reality as the Middle Kingdom of pollution, poison and propaganda. Still the court historian can find enough useful idiots at home and abroad to both romanticize the past and to glorify the present.
Außerdem fährt China gerade eine weltweite Medien-Offensive, um in der Berichterstattung positiver rüberzukommen. Das NDR-Medienmagazin Zapp über Die Image-Lüge der chinesischen Regierung.
Wie würde ein Angriff Chinas auf Taiwan aussehen? Verheerend, sagt dieser Text, denn Chinas Raketen werden immer treffsicherer. In wenigen Minuten wären alle Rollbahnen Taiwans zerstört und damit die Lufthoheit errungen.
Chinese air superiority would allow Beijing to attack military and civilian targets on the island while suffering acceptable losses and would be vital for any serious cross-strait invasion attempt. (…) it will prove increasingly difficult for Taiwan to protect its military and civilian infrastructures from heavy damage, even with American help. Despite the calm political climate currently prevailing across the Taiwan Strait, this is a sobering finding.
Einmal dem Dalai Lama die Hand geben, schon sind die Gefühle von mehr als einer Milliarde Chinesen offiziell verletzt. Pekings inflationäres Kollektiv-Schmollen nimmt eine Glosse in der Taipei Times aufs Korn:
China’s feelings had been officially hurt at least 140 times by a minimum of 42 countries and several organizations since Mao Zedong’s (毛澤東) bandits came to power in 1949. (…) I, for one, am curious how the Chicoms can be so certain that the people have had their feelings trampled on — it’s not as if they regularly ask the proletariat for their opinion on issues of importance.
Noch mal Extra 3 über China, aber definitiv besser als der Beitrag oben: „Klaus“ erklärt China.
Kultur
China als Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse hat auch Taiwans Situation ein klein wenig ins Blickfeld der Medien gerückt. In den Feuilletons sind einige Texte erschienen, die sich umfassender mit Taiwan befassen, als man das aus den Politik-Teilen gewohnt ist. Vorneweg der in Taipeh lebende Autor Stephan Thome, der für seinen (in Hessen angesiedelten) Debütroman „Grenzgang“ gerade von allen Seiten höchstes Lob erfährt. In der Weltschreibt er über Taiwans „kulturelle Schizophrenie“ und kommt zu dem nur allzu wahren Schluss:
Das eigentlich Erstaunliche ist das Desinteresse Europas. Ein Volk von 23 Millionen verweigert sich dem Machtanspruch Pekings, und unsere in die Dissidenten vom Festland geradezu verliebte Öffentlichkeit sieht weg.
Auch die FAZ machte eine Menge Platz frei, um Taiwans Kultur und Literatur ausführlich zu beleuchten.
In Ermangelung eines souveränen, voll handlungsfähigen Staats stellt sich den Taiwanern seit mehr als zwanzig Jahren die Frage: Wie können wir unsere mühsam errungene Demokratie und Eigenständigkeit gegenüber der Volksrepublik, die auf uns Anspruch erhebt, behaupten? In welchem Sinn gehören wir, wenn überhaupt, zu China, und was gehört außerdem noch zu uns? Was ist überhaupt „China“, abgesehen von der das Land zurzeit regierenden Kommunistischen Partei? So wird Taiwan für die Diskussion, was die chinesische Kultur zur Gegenwart beitragen kann, unentbehrlich.
In diesem Text wird bereits die Publizistin Lung Ying-tai erwähnt, deren „Großer Strom, großes Meer“ über die verschwiegenen Massaker des chinesischen Bürgerkriegs auf der Buchmesse wohl die meiste Medienaufmerksamkeit erfahren hat. So schrieb der Asien-Korrespondent des Spiegel über dieses Werk, und die taz veröffentlichte ein ganzes Kapitel vorab.
Nun ist dieses Buch sicherlich lesenswert, die als „Taiwans Literatur-Star“ gepriesene Frau Lung (die übrigens mit einem Deutschen verheiratet war und lange in Deutschland gelebt hatte) aber nicht ganz unumstritten. Eine von ihr initiierte (und nach ihr benannte) Stiftung hat sich zwar offiziell der Förderung der Zivilgesellschaft in Taiwan verschrieben, es gibt aber in Taipeh viele, die finden: Ihr eigentliches Ziel ist es, die Verständigung mit China zu fördern, jedenfalls kein „taiwanisches“ Bewusstsein. Lung Ying-tais Familie stammt vom Festland und kam mit den KMT-Besatzungstruppen nach Taiwan. Sie selbst steht der KMT nahe und war Taipehs Kultur-Stadträtin, als der jetzige Präsident Ma Oberbürgermeister war. In einem Brief über die Korruptionsvorwürfe gegen den damaligen Präsidenten Chen Shui-bian (dem mittlerweile von der KMT-nahen Justiz der Schauprozess gemacht wurde) offenbarte sie 2006 ein etwas merkwürdiges Geschichts- und Demokratieverständnis. Ein Leser kommentiert den SPON-Artikel:
Es wäre interessant zu erfahren, was die Autorin über die Greueltaten der KMT in Taiwan schreibt, da sie ja über ihren Vater, der Teil der KMT-Armee war, Einsichten gehabt haben dürfte. Zumindest kann sie sich bestimmt gut in die Kinder der Parteielite in China einfühlen, da sie selber Teil eines solchen Systems war.
Mehr über Taiwan als über China dürfte man in dem Roman „Die Insel der Göttin“ von Jade Y. Chen erfahren, der seit der Buchmesse „zum Sprung vom Undergroundtipp zum Bestseller ansetzt“, so Deutschlandradio Kultur.
Chen erzählt darin eine exemplarische Familiengeschichte, die Geschichte der Lins, in der die Kolonialgeschichte Taiwans als von den Japanern besetzte Insel ebenso beschrieben wird wie die Herrschaft der Kuomintang, in der bis 1987 der Leser eines Buches von Karl Marx im Gefängnis landen konnte.
Ein Fundstück bei 11 Freunde, dem Fußballmagazin für Leser, die gerne mitdenken. Der Fußball-Weltenbummler (und Journalist) Holger Obermann, der in über 30 Ländern tätig war, hat auch mal versucht, in Taiwan eine Fußball-Nationalmannschaft aufzubauen.
Eines Tages im Jahr 1975 fragte uns ein DFB-Funktionär bei einer Trainerfortbildung: »Meine Herren, wer von ihnen möchte nach Taiwan?« Taiwan? Meine Kollegen sahen sich an und schüttelten die Köpfe. Auf so ein Abenteuer in einem nach dem Bürgerkrieg autoritär geführten Land wollte sich niemand einlassen. Ich schon. Es sollte der Startschuss für meine Karriere als Fußball-Entwicklungshelfer werden.
Spannend liest sich seine Schilderung eines Ausflugs zur Inselgruppe Kinmen, die damals noch militärisches Sperrgebiet war. Der Fußball-Weltverband FIFA kennt Taiwan übrigens natürlich nur als „Chinese Taipei“, in der Weltrangliste steht es auf Platz 161 zwischen Liberia und Puerto Rico. In der Vor-Auswahl zur WM-Qualifikation verlor „Chinese Taipei“ am 28.10. ein Heimspiel gegen Usbekistan mit 0:2. Schon toll, was man im Netz alles finden kann. Schade, dass ich nicht dabeisein konnte, vielleicht hätte es geholfen.
Obwohl jedes Jahr eine große Zahl von Studenten die Universitäten verlässt, herrscht Mangel an Absolventen, die über jene Qualifikationen verfügen, die westliche Firmen benötigen. Junge Chinesinnen greifen deshalb mit beiden Händen nach der einmaligen Chance, Karriere zu machen und finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.
Wenn es irgendwann mit Taiwan und Deutschland und überhaupt nicht mehr klappt, dann weiß ich jetzt, was ich mache: Ich werde Kameramann bei sibirischen Fernsehen. Die Aufnahmeprüfung habe ich schon bestanden.
Marika kommt aus Burjatien und hat dort als TV-Reporterin gearbeitet, bevor sie nach Taiwan kam, um Chinesisch zu lernen. Ich habe ihr geholfen, unser Sprachzentrum an der NTNU (Shida 師大) in Taipeh vorzustellen. Sie vor der Kamera, ich dahinter. Den Beitrag hat sie in den Semesterferien zuhause in Ulan-Ude fertig geschnitten, er lief auf diesem Sender, und wer ihn verpasst hat, kann ihn noch einmal sehen:
So könnt Ihr also Euer Russisch aufpolieren und gleichzeitig sehen, wo ich mich jeden Tag von 8-10 Uhr mit den Feinheiten der chinesischen Sprache beschäftige.
Marika studiert seit diesem Semester übrigens an der Filmhochschule in Taipeh.
Dieser Frage sind meine Kollegen Dennis und Matthias kürzlich in Taiwan nachgegangen. Das Ergebnis lief nun in der Reihe „Mit 80.000 Fragen um die Welt“ im NDR-Fernsehen, ist mehr als acht Minuten lang und steht online beim NDR sowie auf Youtube – jeweils mit Kommentarfunktion.
Oder direkt hier:
Es ist ein wichtiger Film geworden, in dem viele einfache Wahrheiten über Taiwan und China ausgesprochen werden, die man in den Medien sonst viel zu selten hört.
Ich hatte ja neulich schon darüber geschrieben, dass ich den beiden bei der Vorbereitung und dem Dreh in Taipeh zur Seite stehen konnte. Daher bin ich auch selbst ein kleines bisschen stolz auf dieses Ergebnis.
Die Deaflympics sind vorbei, die meisten Sportler heute früh wieder in Deutschland gelandet. Es war ganz groß. Nicht nur für mich, weil ich einige Berichte in deutschen Medien unterbringen konnte. Sondern vor allem für die gehörlosen Sportler, die sich hier in Taiwan nach eigener Aussage zum ersten Mal auf Augenhöhe mit den „echten“ Olympischen Spielen gefühlt haben.
Besonders schön waren die Spiele natürlich für alle Medaillengewinner. Einen von ihnen konnte ich glücklicherweise mit meiner Kamera begleiten (vor, während und nach dem Wettkampf) und der so entstandene Fernsehbeitrag lief im NDR Fernsehen. Das Video kann man sich hier ansehen.
Ich vermute, es sind die einzigen Bilder von den Deaflympics, die es überhaupt ins deutsche Fernsehen geschafft haben. Das ist schade, denn wenn man miterlebt hat, mit wie viel Engagement und Leidenschaft die Beteiligten (Taiwaner, Deutsche und alle anderen) dieses Großereignis gestemmt haben, wünscht man ihnen so viel Öffentlichkeit wie nur irgend möglich. Natürlich werden Olympische Spiele und Fußball-WM immer eine Klasse für sich bleiben, aber von den Paralympics wird schließlich auch jedes Mal berichtet.
Daniel Helmis läuft schnell. Sehr schnell. Er kommt aus Malchin in Mecklenburg-Vorpommern und hat in Taipeh über 1500 Meter Silber gewonnen. Und es könnte noch einiges nachkommen, denn mit 21 steht er erst am Anfang seiner Sportlerkarriere.
Ich habe ihn beim Training getroffen und auch bei einem Ausflug in den Longshan-Tempel begleitet, wo er für ein gutes Rennen Räucherstäbchen entzündet hat. Es scheint geholfen zu haben. Herzlichen Glückwunsch! Und alles Gute für die Ausbildung, die diesen Monat beginnt.
Mal wieder findet hier gerade ein sportliches Großereignis statt, das für die Beteiligten und Taiwan von größter Bedeutung ist, vom Rest der Welt aber kaum wahrgenommen wird. Vor zwei Monaten erst waren es die World Games in Kaohsiung, nun treffen sich 4000 gehörlose Spitzensportler aus 81 Ländern in Taipeh zu ihren eigenen Weltspielen – den Deaflympics.
Von der Sportarten her ist das weniger skurril als die World Games, dafür sind die Teilnehmer um so interessanter. Es war mir gar nicht bewusst, dass Gehörlose sich international durch Gebärdensprache verständigen können. Zwar nicht völlig problemlos, aber im Prinzip können Taiwaner, Deutsche, Brasilianer und Kasachen fröhlich miteinander „gebärden“.
Gestern ging es los. Bislang erinnert mich alles sehr an die World Games: Eine Eröffnungsfeier, die in Sachen Aufwand alles in den Schatten stellt, was andere Länder zuvor aufgefahren hatten (Fotos hier). Freundlich distanzierte Taiwaner, die erst nach und nach begeistert werden müssen. Eine Armee stets etwas übermotivierter Volunteers. Und tausende Teilnehmer aus aller Welt, die es nach Taiwan verschlagen hat, die dieses Land nun kennenlernen, Eindrücke gewinnen und mit nach Hause nehmen werden. Das ist wahrscheinlich das Wichtigste und für Taiwan Bleibendste an diesen Veranstaltungen.
„Morakot“ hat es möglich gemacht und Taiwan auch im Westen mal wieder in die Medien gebracht. Mehr als 500 Tote sind zu beklagen. Ich habe ja neulich schon mal erklärt, was so eine Zahl für die Medien bedeutet: Relevanz!
Treffender kann man es wirklich nicht auf den Punkt bringen.
Nun ist als Spätfolge des Taifuns auch noch der Dalai Lama nach Taiwan gekommen, um hier für die Opfer zu beten (die zum größten Teil irgendwann mal zum Christentum bekehrte Ureinwohner sind, aber egal). Für Taiwans Präsident Ma ist das zunächst mal eine bittere Pille, weil er den Dalai Lama wohl am liebsten weiterhin mit einem „der Zeitpunkt ist gerade nicht günstig“ auf den Sankt Nimmerleinstag vertröstet hätte, um China nicht zu verärgern.
Als nun aber ein paar Oppositionspolitiker eine Einladung ins Spiel brachten konnte Ma, der wegen seines zögerlichen Katastrophenmanagements schwer in der Kritik steht, schlecht Nein sagen – der Zeitpunkt war einfach zu ungünstig. Kleiner Trost für ihn: Die postwendenden Beleidigte-Leberwurst-Trotzangriffe aus China verschonten ihn und richteten sich nur gegen die Opposition. Und wenn die Rauchschwaden verzogen sind, wird er im Wahlkampf 2012 behaupten können, immerhin sei er es gewesen, der damals den Dalai-Lama-Besuch ermöglicht habe.
Für Reporter ist so eine Situation natürlich ein Geschenk. Und so konnte ich auch zu diesem Thema einen Radiobericht im Programm der Deutschen Welle unterbringen, den man hier anhören und hier nachlesen kann.
Stellen wir uns mal vor, in Berlin würde eine Linkspartei-Regierung die Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen schließen und Walter Ulbricht eine Gedenkhalle widmen. Unvorstellbar, oder?
Kürzlich ist es mir gelungen, zwei nicht ganz unwichtige Themen in einem deutschen Medium unterzubringen: Die Rück-Umbenennung der Chiang-Kai-shek-Gedenkhalle (zuvor „Nationale Demokratie-Gedenkhalle“) und die Schließung der Gedenkstätte im ehemaligen Militärgefängnis Jingmei.
Beides sind Beispiele dafür, dass Teile der regierenden Kuomintang-Partei sich vielleicht doch noch nicht so ganz von ihrer autoritäten Vergangenheit (ca. 40 Jahre Einparteienherrschaft per Kriegsrecht, zehntausende tote Taiwaner) distanziert haben.
Der Beitrag lief in der Sendung „Fokus Asien“ im Radioprogramm der Deutschen Welle. Man kann die Sendung hier nachhören und den dazugehörigen Internettext lesen.
Mir fehlt die Zeit, die Geschichte des Gefängnisses und der Namens-Kontroverse um die Gedenkhalle hier im Detail aufzurollen. Ich hoffe, irgendwann kann ich das nachholen. Bis dahin bildet Euch ein Urteil anhand des Radiobeitrags und dieser Bilder.
Für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich: Das ehemalige Militärgefängnis Jingmei (eigentlich auf dem Stadtgebiet von Xindian, nicht Taipeh).
Eine sehr schöne Fotogallerie des Jingmei-Gefängnisses vor und nach der Schließung mit weiteren Informationen hat Günter Whittome erstellt.
Die Menschenrechts-Gedenkstätte im Jingmei-Gefängnis.
Stacheldraht und Polizisten sorgten dafür, dass die Rück-Umbenennung der Chiang-Kai-shek-Gedenkhalle ungestört über die Bühne ging. (20.7.2009)
Berichte über die Rück-Umbenennung der Chiang-Kai-shek-Gedenkhalle in der Taipei Times (regierungskritisch) und der China Post (regierungsfreundlich).
Nur wenige Demonstranten protestierten vor der Absperrung. (20.7.2009)
Als einer ihrer ersten Amtshandlungen hatte die KMT-Regierung nach dem Amtsantritt im Mai 2008 den alten Zustand in der Gedenkhalle wieder hergestellt.
Innenraum der CKS-Halle im März 2008: Zu Füßen des Diktators eine Ausstellung über Taiwans Demokratiebewegung. Die Drachen sollten den "Wind der Freiheit" o.ä. symbolisieren.
Die Gedenkhalle heute: Absperrung statt Ausstellung. Außerdem wurde wieder eine Ehrenwache (nicht im Bild) aufgestellt.
Im Souvenirshop der CKS-Halle gibt es T-Shirts mit dem Diktator zum Auf-der-Brust-Tragen.
KMT-Präsidenten unter sich: Chiang Ching-kuo (1978-88), sein Vater Chiang Kai-shek (bis 1975), Ma Ying-jeou (seit 2008).
Das Team vom Taiwan-Tourismusbüro lädt am 31. August 2009 ab 16.00 Uhr alle Taiwan-Interessierten, die langfristig oder kurzfristig eine Reise nach Taiwan planen oder sich generell für Taiwan als Reiseland interessieren, zu einem Ländervortrag ein.
Es sind sowohl reiselustige Weltenbummler, Asien-Anfänger als auch Kollegen aus der Reisebranche eingeladen.
Wir empfangen Sie gerne in unserem Büro in der Rheinstraße 29, 60325 Frankfurt. Taiwan wird Ihnen mit einer Länderpräsentation und Film vorgestellt, anschließend steht das Team für Fragen zur Verfügung und Sie haben die Möglichkeit, Tee und einige kleine Leckereien aus Taiwan zu probieren. Natürlich sind Sie auch eingeladen, in unserem Infomaterial zu stöbern und sich auf eine zukünftige Taiwan-Reise vorzubereiten.
Bei Interesse melden Sie sich bitte per e-mail über info@taiwantourismus.de an. Sobald die Mindestteilnehmerzahl erreicht ist, senden wir Ihnen eine Bestätigung. Bei Rückfragen stehen wir unter Tel. 069 / 610743 zur Verfügung.
Taiwans Bild-Zeitung heißt Apple Daily und wird von einem in Hongkong ansässigen Medienkonzern herausgegeben. Mein Chinesisch ist zwar noch nicht ganz Zeitungs-fit, aber ich habe mir sagen lassen, in der (oder dem?) Apple Daily fänden sich immer wieder interessante Geschichten aus der Rubrik „skurriles Taiwan“.
Auf jeden Fall haben die Illustratoren dort Spaß bei der Arbeit:
Hauptrollen in diesem Drama: Eine arglose taiwanische Studentin an der NCCU (wo ich auch mal meinen ersten Chinesischkurs hatte). Sowie ein böser Ausländer, der im AIT (der US-amerikanischen Quasi-Botschaft) arbeitet. Nebenrollen: Eine sensationsgeile Presse sowie offenbar eine Menge Leser mit Ressentiments gegen Ausländer, gekoppelt mit Minderwertigkeitskomplexen.
Akt 1: Die Romanze
Der Ausländer und die Taiwanerin lernen sich auf einer berüchtigten Abschlepp-Website kennen. Sie treffen sich und haben Sex. (Dreimal zwischen neun und elf Uhr abends.) Der Amerikaner macht Fotos (Bild 1). Später – er ist in Japan unterwegs – treffen sie sich zum Webcam-Sex (Bild 2).
Akt 2: Das Drama
Der Amerikaner meldet sich nicht mehr. Die Studentin spioniert ihm nach, der Portier des Hauses plaudert aus, er arbeite beim AIT und bringe öfter mal Mädels mit nach Hause. Die Taiwanerin legt sich vor dem Haus auf die Lauer und stellt ihn, als er mit einer anderen Frau heimkommt. Es gibt Streit.
Akt 3: Die Presse
Nun beginnt der eigentlich wahnwitzige Teil dieser bislang eher unspektakulären Geschichte. Statt eine Lektion fürs Leben gelernt zu haben, erzählt die Studentin die ganze Geschichte mit allen saftigen Details ausgerechnet der Redaktion des Apple Daily. Mit Chatprotokollen und allem drum und dran.
Für die Redakteure (und Illustratoren) ist das natürlich ein Fest. Egal, dass offenbar niemand etwas Unrechtes getan hat (der Amerikaner hat z.B. keine verfänglichen Fotos veröffentlicht). Egal, dass die ganze Geschichte sich nur auf die Aussagen der Frau stützt. Egal auch, dass der Mann sich in Taiwan wahrscheinlich nicht mehr blicken lassen kann, nachdem das Schmierenblatt seinen vollen Namen genannt hat (was bei vergleichbaren Geschichten mit Einheimischen nicht gemacht wird).
Zunächst harmonische Dates haben offenbar ab und zu mal ein unschönes Nachspiel. Zum Schutz vor unberechtigten Date Rape-Anschuldigungen empfiehlt dieser Blogger gar:
Let me say first off the bat that he found the way to protect yourself from false date rape is to think like a RAPIST! Sounds sick but true. Plan your date like you would plan a crime and you will be covering more of your bases instead of hanging in the wind!
Die Krönung des Apple Daily-Artikels ist die Aussage einer „Beziehungs-Expertin“, kombiniert mit den Taiwanerinnen „Kelly“ und „Tina“:
According to relationship expert Jiang Yingyao, there’s nothing too different between dating a foreigner and dating a local man. „Some Taiwanese are under the mistaken impression that foreigners are romantic, but you have to be cautious of foreigners who, because of a sense of racial superiority, like to play Taiwanese women.“ Jiang thinks that some Taiwanese women like to date foreigners because walking down the street, pulling on some foreigner’s sleeve makes them feel special, but actually this reaction is based on some inferiority complex.
According to architect Kelly, who has dated over 20 foreigners, „In foreigners’ eyes, Asian women are gentle, loyal and dependent. That’s why they go crazy for them.“ But she says, „Ninety percent of the foreigners are trash! They have shitty jobs and the women back home wouldn’t think anything of them.“
Tina, who has gone out with a foreigner for 3 years, calls on all Taiwanese women to open their eyes. „It should be you who’s pursuing the foreigner, not being pursued.“
According to relationship expert Jiang, foreigners have this concept of „Sex first, then love.“ She urges women to go back to the fundamentals. There are too many cultural differences between foreigners and Taiwanese. There’s no need to think foreigners are superior, let alone is there any need to put up with their sexual demands. Women should pay attention to how these foreigners treat people, both in professional situations and social gatherings, before deciding whether to proceed.
Die Absurdität der ganzen Geschichte täuscht leicht darüber hinweg, dass es hier ein echtes Problem zu geben scheint: Eine spezielle Form von Rassismus, die offenbar nicht wenige Taiwaner gegenüber männlichen westlichen Ausländern empfinden.
Rassimus, der sich nicht in offenen Anfeindungen äußert – im Gegenteil. Taiwaner gelten nicht umsonst Westlern gegenüber als besonders freundlich, und den Ausdruck „Ausländer erster Klasse“ habe ich hier schon des öfteren gehört. Glaubt man Kommentaren, die immer wieder im Netz zu finden sind und die ich teilweise aus eigener Beobachtung bestätigen kann, so handelt es sich in diesen Fällen eher um kulturellen Überlegenheitsdünkel in Kombination mit Neid auf vermeintliche körperliche Vorzüge (blonde Haare, blaue Augen, Körpergröße) und wohl auch Frust angesichts einer nicht zu verachtenden Zahl gebildeter Taiwanerinnen, die lieber allein oder mit Ausländern leben als mit einheimischen Männern, die häufiger gesellschaftpolitisch noch eine Stufe zurück sind und sich ganz traditionell nach dem Heimchen am Herd (oder Weibchen am Wok?) sehnen.
I’ve found that simply being a foreign male, it is assumed that you will:
a) have a shed load of Taiwanese girlfriends who you callously rotate
b) love to get drunk
c) know nothing about Taiwan and can barely speak the language
d) ride your scooter dangerously
e) be excessively rich
f) be an economic migrant who has no real understanding of nor affection for Taiwan / China
Allerdings wurde mir auch von verschiedenen Seiten (Taiwanerinnen, Westlerinnen) versichert: Unter den Ausländern in Taiwan finde sich tatsächlich ein auffallend hoher Anteil von Freaks und gescheiterten Existenzen, die in ihrer Heimat ganz schlechte Karten hätten und sich in Taiwan als Englischlehrer (Qualifikation: Muttersprache) und Ausnahmeerscheinung (westliches Aussehen) ein einigermaßen angenehmes Leben machen können.
Ein anderer Kommentar im o.g. Thread:
After all, it makes quite a lot of sense that Americans or other foreigners that have debts or didn’t find success job-wise in their home country to come to Taiwan and teach English to make some easy money (but the fact that it’s not truly a lot of money means that those with successful careers in the US just won’t find teaching English in Taiwan attractive).
Taiwanese do watch too much Hollywood and you know what? It does perpetuate stereotypes and portrays whites superior to blacks or Asians.
A foreigner in Taiwan meets all sorts of people and people are friendly towards them in ways that is not possible for most in their home country. To not acknowledge that some people are taking advantage of that is just being ignorant.
Damit nun kein falscher Eindruck entsteht: Meiner Meinung nach…
…sind die meisten Taiwaner Westlern gegenüber nicht rassistisch.
…haben die meisten Ausländer aus Afrika, der Karibik, Indonesien oder von den Philippinen wahrscheinlich weit mehr Grund, über Rassismus in Taiwan zu klagen, als unsereins.
…interessieren sich die meisten Taiwanerinnen gar nicht für Ausländer.
…sind die meisten westlichen Ausländer hier weder Gestörte noch Unschuldsengel oder reißende Wölfe, sondern prima Menschen.
Zwei Seiten gibt es allerdings, für die ich beim besten Willen kein Verständnis aufbringen kann: Die Taiwanerin, die sich mit ihrer Geschichte an die Boulevardpresse wendet. Und die Zeitung, die daraus so eine widerliche Schmierenkomödie fabriziert, Neid und Vorurteile schürt. (In dem Artikel wird nicht nur der volle Name des Amerikaners genannt, sondern auch eine absurd hohe Wohnungsmiete von 150.000 NT$, über 3000 Euro.) Blogger Michael Turton vermutet politische Motive hinter der Geschichte:
A glance at the news shows that the US has been in the news in a positive light — our aircraft are here delivering aid to the locals. Lookin’ spiffy and doin’ the right thing, garnering praise and positive views for the US. Can’t have that! This time it is Apple Daily with the negative news about the US to counterbalance the good news.
Ich bin jedenfalls gespannt, wie die Geschichte weitergeht. Wird am Ende gar das AIT eine Stellungnahme abgeben?
Also, das hier sind meine Kollegen Matthias und Dennis aus Hamburg. Ich kenne die beiden von langjähriger gemeinsamer Arbeit fürs NDR Fernsehen. Damals habe ich über böse Banken und arme Rentner berichtet, und die beiden über viel lustigere Sachen. Dennis hat irgendwann sogar einen Preis bekommen und war neben Ina Müller in der „Bunten“ (oder war es die „Gala“?), da hat seine Mama in Osnabrück gleich einen ganzen Stapel gekauft, weil sie so stolz war. Wir haben auch mal in Hannover ein paar Wochen zusammen gewohnt, das war lange, bevor er berühmt wurde und ich Taiwan kannte.
Der aufmerksame Beobachter wird sich jetzt denken: Das da hinten ist doch das Nationaltheater in Taipeh! Was machen die denn da?
Die beiden haben mich hier besucht. Sie waren gerade auf Asienreise für ihre bezaubernde Reihe „Mit 80.000 Fragen um die Welt“, die in der NDR-Sendung „Weltbilder“ läuft. Und da haben sie auch in Taipeh ein paar Tage Station gemacht, um die Frage zu beantworten… aber nein, das darf ich bestimmt noch nicht verraten. Der Beitrag wird irgendwann im September oder Oktober gesendet.
Nur so viel: Ein Trailer steht schon online. Den sollte man sich ansehen. Da trotzt Dennis dem Taifun „Morakot“ (die beiden hatten sich ausgerechnet das Taifun-Wochenende ausgesucht, um zu kommen). Und Shieh Jhy-wey (謝志偉 Xie Zhi-wei) rappt. Er ist Deutschprofessor, Talkmaster, war während der DPP-Regierung mal Taiwans Quasi-Botschafter in Berlin und Informationsminister.
Jungs, es war mir eine Freude und eine Ehre, für Euch den Stringer zu machen! Ich freue mich auf den Beitrag.
Und wer dies liest, kann gespannt sein. Denn es werden Fragen und Antworten zu Taiwan vorkommen, die sonst in den Medien viel zu selten auftauchen.