Katja hat eine interessante Frage gestellt:

„Hast Du schon Einblick bekommen, wie die Arbeitskultur, Arbeitszeiten, Gehalt vs Lebenshaltungskosten in Taiwan so sind? Fände ich spannend…“

Ich auch. Einiges habe ich mir erzählen lassen, also versuche ich es mal (ohne Gewähr):

Generell kann man sagen, die Menschen in Taiwan verdienen weniger als bei uns, dafür ist das Leben billiger. Die Diskrepanz ist nicht so riesig wie z.B. in China, aber immer noch deutlich.

Rechnen wir der Einfachheit halber mit einem Wechselkurs von 50 New Taiwan Dollar (NT$) = 1 €.

Ein Büro-Angestellter hat mir erzählt, er verdient im Monat 35.000 NT$ brutto, also umgerechnet etwa 700 €. Das ist hier wohl ein vernünftiges Durchschnitts-Einkommen.

Die Grenze, ab der jemand als Großverdiener gilt, liegt offenbar bei ca. 100.000 NT$, also 2.000 €. Es gibt hier offenbar zahlreiche Menschen, die als reich gelten (fette Autos usw.), und sehr viel mehr, bei denen das Geld eher knapp ist.

Natürlich sind auch die Lebenshaltungs-Kosten niedriger. Wenn man sich in einem Restaurant satt isst, kostet das zwischen 50 und 200 NT$. Eine Bus- oder U-Bahn-Fahrt kostet zwischen 12 und 50 NT$. Die Miete für ein Zimmer zur Untermiete oder kleines Einzimmer-Apartment in Taipeh beträgt zwischen 8.000 und 15.000 NT$, inklusive „Hauptstadt-Zuschlag“.

Urlaub in Europa oder Amerika ist für Taiwaner ziemlich teuer, weshalb sie ihn – wenn sie ihn sich überhaupt leisten können – oft kurz halten oder organisierte Touren buchen. In Thailand, Vietnam usw. ist der Taiwan-Dollar dagegen mehr wert. Angeblich gilt Bangkok bei Taiwanerinnen als Shopping-Paradies.

Umgekehrt ist das Leben in Taiwan für Westler ziemlich günstig. Es gibt hier z.B. unzählige Amerikaner und Kanadier, die nach dem College-Abschluss, also mit Mitte 20, nach Taiwan kommen und Englisch unterrichten. Der Bedarf an Englisch-Lehrern ist riesig, und die einzig nötigen Qualifikationen sind: Muttersprachler und Uni-Abschluss (egal in welchem Fach). Die Leute bleiben ein bis zwei Jahre in Taiwan, werden für ihre Arbeit vergleichsweise gut bezahlt und können daheim anschließend z.B. ihre Studiengebühren-Schulden zurückzahlen.

Viele von ihnen legen keinen großen Wert darauf, Chinesisch zu lernen, halten sich auch sonst vorzugsweise in ihrem Expat-Universum auf (Sportsbars, Pubs…) und nehmen den Taiwanern die hübschen Mädchen weg. Daher sind sie mit verantwortlich dafür, dass Westler freundlich, aber auch distanziert betrachtet werden. Nach dem Motto: Du (weiß, jung, männlich) siehst aus wie ein Amerikaner, sprichst bestimmt sowieso kein Chinesisch und bist bald wieder weg. Du bist wahrscheinlich laut und ungehobelt und benimmst Dich seltsam. Diese Haltung ändert sich meist, wenn man ein paar Brocken chinesisch spricht und damit seinen Willen beweist, sich der einheimischen Kultur zu öffnen.

Zum Stichwort „Arbeitskultur“: Nach allem, was ich so höre, gelten Taiwaner (bei sich selbst und bei ausländischen Geschäftsleuten) als sehr fleißig, gut ausgebildet und strebsam. Immer wieder heißt es: „Die Leute hier arbeiten unheimlich viel.“ Im Büro sind 40-Stunden-Wochen sicherlich die Ausnahme. Geschäfte sind sowieso jeden Tag und teilweise fast rund um die Uhr geöffnet, so dass es für Ladenbesitzer und -angestellte noch krasser aussieht.

Kein Wunder also, dass die Menschen nach der Arbeit Ablenkung brauchen und sich z.B. in das Getümmel der Nachtmärkte stürzen. Über die müsste ich auch mal ganz dringend einen eigenen Eintrag schreiben.

Die Grundlage für diese Arbeitsethik wird schon ganz früh gelegt. Kleine Kinder müssen nicht nur bis zum Abwinken chinesische Schriftzeichen pauken (wer einige tausend beherrschen will, muss früh anfangen). Sie werden von ihren Eltern oft auch noch in den Englisch-Unterricht geschickt.

Die Grundschule dauert sechs Jahre, danach kommen Junior und Senior High School (jeweils drei Jahre). Dort gibt es Schuluniformen, und die meisten Schulen sind nach Jungs und Mädchen getrennt. Jeder will auf die guten Schulen und muss sich entsprechend reinhängen. Nach der Schule geht es oft in Nachhilfe-Einrichtungen, in denen weiter gepaukt wird (ich stelle mir das so vor wie ein Repetitorium für Juristen). Viele Schüler gehen wohl morgens aus dem Haus und kommen erst gegen 21 Uhr wieder zurück.

Nach der Schule versucht jeder, auf eine möglichst gute Universität zu kommen, denn der Ruf der Uni ist wichtig für den Einstieg ins Berufsleben. Da geht der Pauk- und Prüfungs-Marathon dann weiter. Trotzdem wirken die meisten Menschen recht ausgeglichen. Und die Taiwaner sagen über die Japaner: „Die sind noch arbeitswütiger als wir.“